„Die Ponys haben sich sofort darauf gelegt – das war beeindruckend“, erzählt Andrea Mais, „das ist nicht normal! Wahrscheinlich mochten sie den Geruch. Oder es sah so kuschelig aus.“ Mais‘ Mitstreiterin Anja Hedden hatte kurz zuvor erstmals „Supreme Pellets“ auf dem Boden eines Unterstands und Futterplatzes für die Ponys verteilt, von denen Mais spricht. Diese leben mit vielen anderen Tieren auf dem „Gnadenbrothof Ziegenhain e. V.“, und allen gemein sind schwere Lebensgeschichten. Dem Tierschutzprojekt haben die „Westerwälder Holzwerke“ (WWHW) eine Palette der von ihnen hergestellten, besonderen Pellets gespendet, die sie als Einstreu für Stallungen anbieten (siehe „Keine Stärke, aber mehr Dampf“). Unterstützung in Form von Sach- und Geldspenden sowie die Arbeitszeit Ehrenamtlicher kann die Einrichtung in der Nähe von Weyerbusch (Kreis Altenkirchen) wahrlich brauchen.
Andrea Mais berichtet, dass die Tiere wie Pony Schöne Schwarze die neue Einstreu vom ersten Tag an super angenommen haben.
Anja Hedden und Andrea Mais gehen über eine Wiese einen kleinen Hang hinauf, der sich hinter einer Halle des Gnadenbrothofs erstreckt. Am oberen Ende des Geländes weiden sechs Pferde. Die Lusitano-Stute Blanquita kommt gleich herangetrabt. Das Tier ist auffällig hell, perlmuttartig gefärbt, seine Augen sind fast weiß. „Sie ist ein Doppel-Cremello“, erklärt Mais, „hat eine genetische Störung aufgrund von Überzüchtung und ist sehr lichtempfindlich. Sie muss im Sommer sogar eine Sonnenbrille tragen.“ Nach mehreren schweren Reitunfällen mit der Vorbesitzerin (Mais: „Eine toxische Beziehung“), die die Reiterin gar auf die Intensivstation brachten, schien das Schicksal als Schlachtpferd unausweichlich, wie Mais berichtet. Doch 2024 konnte Blanquita auf den Gnadenbrothof geholt werden, überstand den Transport dorthin sogar mit einem zuvor gebrochenen Griffelbein.
Nun drängt sich Hengst Prinz in den Vordergrund. Er könne ein wenig rüpelhaft sein, zwinkert Mais, und wie zur Bestätigung schubst er die seit 2015 im Gnadenbrothof-Verein engagierte Anja Hedden mit dem Schädel, so dass die Frau fast umfällt. Der frühere Besitzer des Pferdes erschoss sich. Die neue Heimstatt auf dem Gnadenbrothof war dessen einzige Zukunftsperspektive.
Solche und ähnliche Viten haben im Grunde alle Schweine, Pferde, Schafe, Truthennen, Gänse, Hunde, Katzen, Kaninchen, die auf dem zehn Hektar großen Areal in Ersfeld leben. Rund 50 Tiere werden laut Hedden stets dort betreut.
Platz für weitere Tiere wäre auf den zum Hof gehörenden Flächen reichlich.
Vom Platzangebot her könnten es jedoch viel mehr sein – allerdings fehlt es dazu nicht nur an finanziellen Mitteln für leicht vier- oder gar fünfstellige Tierarztrechnungen, für Futter oder Medikamente, sondern vor allem an Ehrenamtlichen. Denn morgens müssen die Tiere von ihren Schlafplätzen auf die Freiflächen gebracht werden, abends retour. Medikamente sind zu verabreichen, Fütterung und Ausmisten sind ebenso zu erledigen.
Hofgründerin Andrea Mais, hier mit Katze Milou, versorgt seit 1987 Tiere in Not.
Hofgründerin Andrea Mais hat das Tierschutzprojekt 1987 gestartet, wie sie schildert. Sie stammt gebürtig aus Bad Honnef, das Gnadenbrothof-Vorhaben begann sie zunächst im nahen Bonn. „Da gab es irgendwelche Hunde, die ich gefunden habe auf der Straße. Dann kam ein Pferd dazu, es wurden im Laufe der Zeit immer mehr Tiere“, blickt sie zurück.
Der Einsatz für die Lebewesen sei für sie selbstverständlich, im Elternhaus sei sie mit Tierschutz aufgewachsen. „Außerdem war da immer eine soziale Ader“, ergänzt sie. Vater und Mutter leisteten oftmals humanitäre Hilfe von Indien bis Afrika. „Es war für uns total normal, ehrenamtlich zu arbeiten“, betont die Tochter. Ihre Eltern betrieben eine Firma im Architektur- und Baubereich, „und die Moral war ganz klar: In dem Moment, in dem man selbst versorgt ist, hat man etwas für andere zu tun!“
Hinzu sei sicherlich ihre „total katholische Schulzeit mit Nonnen“ gekommen, bilanziert die Gnadenbrothof-Gründerin. Die Ordensfrauen seien Franziskanerinnen gewesen, die sich auf den Heiligen Franziskus (Franz von Assisi, der 1181 bis 1226 lebte) bezogen. Er gilt bis heute als Schutzpatron der Tiere und des Umweltschutzes, da er alle Geschöpfe als Brüder und Schwestern betrachtete.
Andrea Mais studierte Sozialarbeit in Bonn und Köln, war eine Zeit lang selbständig mit einer Künstleragentur in Bonn, machte selbst Musik, übernahm Erziehungsbeistandschaften im Auftrag von Jugendämtern, hat einen Film gedreht und vieles mehr. Sie war privat eine Weile in Windeck zu Hause, suchte derweil ein Gelände für inzwischen mehrere Pferde und Hunde. „Mit Ausnahme eines Pferdes alles gerettete Tiere“, sagt sie. Sie mietete eines Tages einen Bauernhof in Ziegenhain: Die kleine Ortsgemeinde im nördlichen Westerwald gab dem Hilfsprojekt seinen aktuellen Namen.
Anja Hedden kümmert sich um Lusitano Blanquita. Fotos: Schmalenbach
Das heutige Anwesen in Ersfeld hat Mais nach dem Tod der Eltern von ihrem Erbe gekauft. Dort, nahe der Ortschaft Weyerbusch in der Verbandsgemeinde Altenkirchen-Flammersfeld, ist der Gnadenbrothof seit 2009 angesiedelt, nachdem ein örtlicher landwirtschaftlicher Betrieb im nicht einmal 80 Einwohner zählenden Dorf aufgegeben wurde. Mais konnte ihn mit allen Gebäuden und Ländereien erwerben.
Auf den dort nach der WWHW-Spende erstmals ausprobierten „Supreme Pellets“ findet es Schaf Aurelie gerade gemütlich. Es springt zwischen auf der neuen Einstreu stehenden Ponys herum. Das Tier stammt aus einem Versuchslabor und ist seit 2018 auf dem Hof in Sicherheit.
Jetzt drängt sich das amerikanische Miniaturpferd Surprise zwischen Ponys und Aurelie. Das Huftier wurde mit fehlgebildeten Hinterbeinen geboren, sollte eingeschläfert werden, da es, so die Begründung, niemals richtig laufen können würde. Andrea Mais und ihre Mitstreiter jedoch nahmen Surprise aus der Nähe von Wissen auf, ließen die Sehnen des seinerzeit zweijährigen Pferdes in mehreren Operationen in einer Tierklinik verstellen. Inzwischen ist das nunmehr dreijährige Tier recht munter unterwegs. Dessen Mutter kauften Tierschützer frei, sie lebt jetzt ebenso in Ersfeld bei Andrea Mais.
Mausi scheinen die „Supreme Pellets“ in der Kaninchen-Toilette zu gefallen.
Im Hintergrund stehen unterdessen zwei auffallend abgemagerte Ponys; sie sind erst zwei Tage in der Obhut der Tierschützer. Deutlich treten die Rippen der Tiere hervor: Sie wurden im Westerwaldkreis von den Behörden zwangsenteignet, da die Haltungsbedingungen gesetzeswidrig waren. Insgesamt 45 Tiere mussten daraufhin ein neues Zuhause finden…
So wie Schwein Leonardo. Im Innenhof des Bauernhofs von Andrea Mais betrachtet es neugierig den Besucher. Kurz darauf folgt ihm Samira. Beide Borstentiere wurden einst als Babys in einem Mülleimer im Oberwesterwald gefunden…
Solche und ähnlich erschütternde Geschichten bringen nahezu alle tierischen Bewohner des Gnadenbrothofs mit. Patoune, ein Australian Shepherd, ist da keine Ausnahme: Die acht Jahre alte Hündin, die den Gast freudig begrüßt, stammt aus Frankreich. Sie wurde auf dem Jakobsweg in den Pyrenäen von einem Auto überfahren. Ihr Körper ist nach überlebenswichtigen medizinischen Eingriffen voll Metall. Ihre Blase muss alle paar Stunden von einer Helferin entleert werden.
Andrea Mais hat einen ehemaligen Swimmingpool zum Salzwasserschwimmbecken für die Vierbeiner umfunktioniert. Für einige von ihnen eine wichtige Bewegungstherapie.
Krankheit und Tod der Besitzer seien Hauptgründe für Anfragen, ob sie ein Tier beherbergen könnten, beschreiben Andrea Mais und Anja Hedden. „Und gleichzeitig sind die Tierheime voll“, unterstreicht Erstere. Bis zu zehn Bitten um Aufnahme eines Tiere in Ersfeld erreichen den Gnadenbrothof – am Tag! „Wir kriegen so viele Anfragen jeden Tag – das kannst du dir gar nicht vorstellen“, nickt Mais bestätigend. Das Einschreiten von Veterinärämtern aufgrund nicht tiergerechten Umgangs mit den Lebewesen erhöht den Bedarf an neuen Quartieren ebenfalls. „Da gibt es Unvorstellbares. Katzen mit zugeklebten Gesichtern etwa“, schüttelt Mais den Kopf, während sie ihrer Katze Milou, die just auf ihren Arm gesprungen ist, liebevoll über das zottelige Fell streicht.
Anja Hedden schafft jeden Samstag auf dem Hof, da sie unter der Woche einer Erwerbsarbeit nachgeht.
Auf einmal ist hinter einem Fachwerkgebäude des Bauernhofs Hundegebell zu hören, das das Gespräch kurzzeitig unterbricht. Andrea Mais geht nachsehen, was der Grund der Aufregung ist. Anja Hedden empfiehlt dem Besucher vorher noch: „Wenn du in den Innenhof gehst, kommen halt immer zehn Hunde auf dich zu gelaufen – und dann musst du die streicheln und umarmen. Sonst finden die dich komisch!“ Tatsächlich sind die anfänglich wild umherspringenden Hunde rasch ganz zutraulich, nachdem alle elf anwesenden ein paar Streicheleinheiten des Besuchers bekommen haben. Hier ist das Bedürfnis nach Zuneigung von einem Menschen wohl nicht minder groß, als das nach Obdach und Futter…
Doch Menschen heutzutage für die ehrenamtliche Mitarbeit zu gewinnen, zumal jüngere Generationen, sei unvergleichlich schwierig geworden, befinden Andrea Mais und Anja Hedden. So umfasst das Kernteam des Gnadenbrothofes, zu dem sie selbst gehören, insgesamt nur drei Akteurinnen.
Da ist jede Form der Unterstützung verständlicherweise mehr als willkommen. Mithin die Sachspende der WWHW, wenngleich Anja Hedden erläutert, dass man den perfekten Einsatz der Pellets erst ein wenig üben müsse, um sie mit der richtigen Menge Wasser anzufeuchten, damit sie im Stall optimal wirken (siehe dazu auch „Keine Stärke, aber mehr Dampf“).
Offenbar fühlt sich auch Australian Shepherd Patoune auf dem neuen Untergrund wohl.
Andrea Mais ist unterdessen noch einmal zu den Schafen und Ponys gegangen, die sich weiterhin im Unterstand mit den „Supreme Pellets“ scharen. Mais staunt abermals: „Die Tiere stehen von Anfang an total gerne hier drauf.“
Uwe Schmalenbach